Editorial

»Funkstille« ist ein Wort aus der Schifffahrt. Die Funkstille ist Schweigen, in das hinein ein Notsignal gesendet wird. Das verschlüsselte Signal offenbart, dass etwas nicht in Ordnung ist. Es ist ein Hinweis auf eine Störung, hinter dem alles Andere zurückstehen muss, damit er nicht überhört wird. Übertragen auf die menschliche Kommunikation könnte man sagen: Die Funkstille ist ein Appell, der besagt: »Bitte höre, was ich nicht sage!«.

Es geht also darum, gehört zu werden, indem man nichts von sich hören lässt. Wir aber, die Mitarbeiter des Klett-Cotta-Verlages und die Autorin, wollen, dass Sie sprechen, sich austauschen, mit uns kommunizieren. Wagen Sie zu sprechen, zu schreiben, anzurufen.

Schweigen kann töten, schweigen kann heilen, schweigen lässt Raum für Missverständnisse, Schweigen kann aber auch schützen.

Hier, auf dieser Seite, können Sie versuchen, mit anderen Betroffenen herauszufinden, warum die Funkstille immer wieder »passiert« und welche Botschaft sich hinter dem plötzlichen Kontaktabbruch verstecken kann.

Viele Betroffene fragen »warum?« und bleiben oft Jahrzehnte lang mit dieser quälenden Frage allein.

Es gibt kaum Selbsthilfegruppen zum großen Themenkomplex »Kontaktabbrüche«. Die Funkstille ist eine massive Kommunikationsstörung, und doch gibt keine Experten, Psychiater, Therapeuten oder Analytiker, die sich speziell mit diesem Thema beschäftigen. Es gibt Fachleute, die schizoide oder narzisstische Persönlichkeitsstörungen behandeln. Aber Menschen, die Kontaktstörungen haben, sind nicht unbedingt psychisch krank! Menschen, die Angst vor Nähe haben, die als Kind nicht beachtet, die in ihrem Leben zu häufig verletzt wurden, deren seelisches Rückrat durchgescheuert ist, sind nicht verrückt! Sie haben vielleicht einfach keine Kraft mehr, sich zu erklären oder keine Lust mehr zu diskutieren. Manchmal ist die Verzweiflung so groß, dass Menschen sich ein neues Leben suchen müssen und Beziehungen einfach abreißen lassen. Ein anderes Mal ist die Scham so groß, dass man am liebsten im Boden versinken und sich im Luft auflösen will. Dann wieder ist die Wut so groß, dass man durch sein Schweigen bestrafen will, manchmal gar vernichten will, weil der Andere zu unsensibel, zu laut, zu dominant war.

Die Ohnmacht des Verlassenen aber, die Fassungslosigkeit und, ja, auch Wut des Verlassenen, weiß der Abbrecher darum? Die Funkstille passierte aus heiterem Himmel, sagen Verlassene. Vielleicht hat der Abbrecher ja sogar über die Entscheidung nachgedacht, aber der Verlassene war nicht beteiligt. Es muss ihm also abrupt vorkommen!

Kann Schweigen deutlicher sein als die zuvor in vielen Gesprächen und Auseinandersetzungen gefundenen Worte?

Wer schweigt, schafft Distanz, hat Macht. Aber was hat man davon? Die Funkstille ist auch eine Krise der Selbsttäuschung. Beide, Abbrecher und Verlassener, sind letztendlich Opfer und Täter zugleich.

Die Funkstille wirft unendlich viele Fragen auf, und hier zu schreiben, zu fragen, laut nachzudenken ist eine Möglichkeit für Sie, sich einem Phänomen anzunähern, das so unergründlich wie unfassbar ist.

Auch gab es bisher keine Sachbücher zu diesem Thema, deshalb soll diese Webseite einen vorsichtigen Austausch ermöglichen. Natürlich ist manches so existentiell, dass die Vermittlung kaum möglich ist, doch um in Konfliktsituationen souverän zu reagieren, muss man wissen, was man fühlt. Beziehung ist Dialog. Und wenn Sie schon einmal hier sind, auf dieser Seite, dann hat dieses Thema wohl auch mit Ihnen was zu tun, oder?

Vielleicht kommen wir zu keiner endgültigen Antwort, aber die Tiefe, mit der man über Dinge nachgedacht hat, bleibt.

Wenn das alles Ihnen aber zu viel, zu öffentlich oder zu laut ist, können Sie gerne auch direkt mit mir Kontakt aufnehmen: tinasoliman[at]yahoo.de

Ihre

Tina Soliman

Tina Soliman
Funkstille
Wenn Menschen den Kontakt abbrechen
196 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-94562-1
E-Book ISBN: 978-3-608-10192-8
Weitere Informationen finden Sie auch unter: www.klett-cotta.de

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